Meine Abrechnung mit Instagram




Es ist Jahresende. Zeit der guten Vorsätze. Die einen wollen abnehmen, die anderen endlich heiraten, einige wünschen sich den nächsten Booster.


Ich habe mir vorgenommen mich von Instagram zu verabschieden.

Und es ist ein guter Vorsatz.

Einer, der nicht schon nach 2 Wochen wieder vergessen ist.

Woher ich das jetzt schon weiß?

Nun, Instagram macht es einem sehr leicht, nicht zu vergessen.

Während ich diese Zeilen schreibe, habe ich sage und schreibe drei Mal mein Smartphone entsperrt, und die App mit dem antiquarisch wirkenden Sofortbildkamera-Logo angetippt. Und es ist dann auch immer dasselbe: man schaut nicht in den Feed, sondern zuerst nach rechts oben, wo die neuen Benachrichtigungen angezeigt werden, in der Hoffnung dort möglichst viele davon zu finden.

Und hier vereint sich die ganze Problematik mit dieser Plattform: da jeder die Herzchen erwünscht, strebt dann auch jeder danach diese zahlreich zu erhalten.

Im Grunde nichts Beklagenswertes.


Was jedoch das Ganze ad absurdum führt: wenn meine eigenen Beiträge möglich oft gelobt werden sollen, müssen möglichst viele auch meinen Beitrag sehen.

Wenn jedoch keiner mehr die Beiträge sieht, weil sie mir gar nicht erst angezeigt werden oder ich, statt des Feeds, eher die Leiste mit den Herzchen im Blickfeld habe, bleibt den Meisten nicht mehr übrig als die Herzchen zu erzwingen.

Und genau das, lieber Leser dieses Blogs, der bisher schon 20 Textzeilen gelesen hat, (was in der heutigen Zeit eine Leistung ist!), hat mich dazu bewogen, mich mittelfristig von Instagram verabschieden zu wollen.


Ein Beispiel: ein Modell hat es "geschafft" mit einem durchschnittlichen Foto aus einem unserer Shootings "viral" zu gehen. Eigentlich weiß weder sie noch ich weshalb, denn aus dem Shooting gibt es wesentlich tollere Bilder. Wir sehen auf dem Foto aber auch keine Nachahmung einer blondgelockten Oligarchen-Olga die sich mit ultraknapper Bekleidung auf einem Bärenfell vor dem Kamin in einem Hotel in St. Moritz räkelt. Nein, nur schnöde Fashion. Fragt man Experten für "Insta", sagen die, es liege wohl an den korrekt gewählten "Hashtags", die richtige Zeit beim Posten des Fotos, die Insta-konforme Verwendung von Bildunterschriften, und die dazu gehöreigen Aufforderungen zur Interaktion der Betrachter, das häufige "Speichern" des Bildes mittels der dazugehörigen Funktion, die richtige Auflösung der Fotos und die in zeitlich abgestimmten Reels und Stories, die zu dem Bild gehören.

Ihr dürft jetzt gern einen Kaffee holen und das Ganze nochmals durchlesen. Das ist keine Übertreibung.

Das ist Reel. Äh, Real, meine ich.

Ich denke es ist auch klar, dass das Modell all diese Dinge nicht aus Wissen gemacht hat. Das war purer Zufall.


Ich habe mir mal den Spaß gemacht, meine Fotos in diesem Jahr nach Likes zu sortieren und erschrak: die Fotos, die vor 2-3 Jahren noch zu einer größeren Anzahl Nachrichten im Posteingang geführt haben, sind die heute am Schlechtesten in der Bewertung (also am wenigsten "gelikten") Fotos. Und damit nicht genug: wenn Instagram von dir mit solchen Machwerken gefüttert wird, streicht dir die Plattform erstmal den Großteil deiner Reichweite. Sprich: die Bilder werden nur noch wenigen deiner Abonnenten überhaupt gezeigt. Gut, dann musst halt andere Fotos zeigen. Der Effekt ist jedoch fast der Gleiche, denn es kommt nicht mehr auf den Inhalt an. Einmal in der Instagram-Gunst gefallen, immer gefallen. Folge: du fühlst dich so bisschen wie die Menschen aus einer gewissen Kaste, aus der es keinen Aufstieg in's Nirvana der Likes und "viralen" Ausbreitung gibt.

Instagram will, dass du das so machst wie sie es vorgeben.

Und zum Beispiel Videos machst.


Und der Aki hat Videos gemacht.

Und ist wieder gnadenlos gescheitert.

Was ich nämlich nicht bedacht habe: es hätten Videos mit Bordmitteln von Instagram sein sollen. Schneidest du selbst deine Videos professionell mit Musik und Effekten, gibt es prompt eine professionelle Klatsche von Instagram. Mein Modell im Video hat sich über das Video gefreut wie ein Kind unter dem Weihnachtsbaum. Doch nach dem Upload auf Instagram nicht mehr. Das Video versinkt sowohl bei ihr als auch bei mir im besagten Nirvana, jedoch das Nirvana der Bedeutungslosigkeit.


Bevor mir jetzt einige vorwerfen ich jammere oder schreibe zu viel, komme ich zum Schluss. Ja, ich bin zu blöd für Instagram.

Vielleicht auch zu alt. Aber eins weiß ich auch: ich sehe keine Zukunft in dieser "Äpp", die seinen Benutzern statt guten Fotos und unterhaltsamen Medien einen undurchsichtigen, Algorithmus vorschreibt.

Eine Handlungsvorschrift, die nirgends steht und sich permanent ändert, eine anhand deren bewertet wird, ob man qualifiziert genug ist, seinen eigenen Abonnenten überhaupt noch die neuesten Fotos zeigen zu dürfen.

Früher qualifizierte man sich mit guten Fotos.

Heute nur noch mit Hashtags.

Und deswegen heißt der einzige Hashtag für mich in 2022 nur noch:

#tschömitö


Ach so, ich müsste euch jetzt auffordern diesen Beitrag zu teilen, doch ich befürchte ich machte das nicht mit den richtigen Worten, nicht zur richtigen Zeit und ohne Reel.

#alsolassenwirdasbesser

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