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Viltrox 85mm f1.8 Praxisreview



Wer im süddeutschen Raum, genauer gesagt im „Schwabenländle“ wohnt, darf sich zu Recht als etwas Besonderes verstehen. Das resultiert vor allem aus den schwäbischen Dialekt, denn fast nirgendwo steht diese Mundart für niedlich und gleichermaßen präzise. Sinnbildlich für das 85mm Viltrox, denn ein Schwabe würde hierzu sagen: „sott ebbes g’scheit’s sei, abers därf nint koschte“. Für Nicht-Schwaben übersetzt: es muss etwas Gutes sein, aber kosten sollte es am Besten nicht viel.


Da ich als gebürtiger Schwabe das Sparen sozusagen in die Wiege gelegt bekommen habe, lag mein Augenmerk bis heute auf Fotokameras und Zubehör mit gutem Preis-Leistungsverhältnis, daher brachte das Viltrox 85mm (aktuell für ca. 300 Euro) mein Schwabenherz zum Lachen, ganz im Gegenteil als Objektive anderer Hersteller, die meist im vierstelligen Preisbereich angesiedelt sind.


Leider hat sich in den letzten Jahren nämlich viel verändert auf dem Fotomarkt. Eines der bedauerlichsten Entwicklungen ist ein enormer Preisanstieg der Objektive, insbesondere aus den Häusern, die früher noch für bezahlbare Gläser mit gleichzeitig hohem Qualitätsanspruch gestanden haben. Es ist auffällig wie das Marketing der Unternehmen die konstant hohen Preise mit Kunstwörtern, farbigen Ringen oder Logos auf den Objektiven rechtfertigen. Wobei das nicht bedeutet, dass die Abbildungsqualität darunter gelitten hat, im Gegenteil. Ein stimmiges Preis-Leistungsverhältnis ist das jedoch schon lange nicht mehr. Ich möchte jetzt nicht auf die Herausforderungen in der Kamera- und Objektivherstellung angesichts des sehr hohen Konkurrenzdrucks von Smartphones und geschrumpften Marktanteilen eingehen – was vieles erklären würde, Fakt ist: das Viltrox 85mm ist eines der ganz wenigen Objektive, für die man vor dem Kauf nicht seinen Finanzberater aufsuchen muss.

Schaut man sich auf den Portfolios der Fotohändler um, gibt es zwar durchaus genügend bezahlbare Objektive, jedoch ist meist irgendein großes Manko der Grund für den günstigen Preis: manuelle Fokussierung, schwache Abbildungsleistung, mangelhafte Haptik oder Kombinationen davon – dann lieber tiefer in die Tasche als völlig daneben zu greifen.

Das 85er ist hier eine ganz große Ausnahme. Schneller AF, praxisorientierte Haptik und recht wenig Bildfehler – da lacht nicht nur das Schwabenherz, sondern Besagtes jedes Fotografen. In Puncto Detailzeichnung und Schärfe ist das Viltrox zum Beispiel überragend:



(1:1 Crop)





Mich erinnert diese Bildqualität an mein Sigma 105mm f1.4, ein Objektiv das ich als Klassenbestes in der Abbildungsleistung bezeichnen würde. Jedoch ist ein Vergleich der Beiden an der Stelle unangebracht, zumal ich nicht den Eindruck aufkommen lassen möchte, dass das Viltrox für Schwaben, Verzeihung, preisbewusste Fotografen, dem 105mm vorzuziehen wäre. Das Sigma ist allein wegen der Brennweite und der hohen Ausgangsblende eine ganz andere Klasse und damit auch völlig anders gebaut. Es ist gigantisch groß und schwer und erzeugt einen ganz eigenen Bildlook, den man mit dem Viltrox nicht nachahmen kann.


Jedoch – wer im Telebereich Geld sparen will, und kein Hubbleteleskop mitschleppen möchte, dem sei das Viltrox statt dessen angeraten.


Der chinesische Hersteller macht hier eine Sache richtig: er weiß, dass Fotografen eher leichte Ausrüstungsgegenstände bevorzugen. Ein Objektiv mit f1.8 ist bautechnisch schlichtweg leichter zu konstruieren als eines mit f1.4 – das Konkurrenzmodell von Sigma , das 85mm f1.4 „Art“ (da ist er wieder, der Kunstbegriff) ist zum Viltrox vergleichsweise eine volle Regentonne. Und der Unterschied von Blende 1.4 zu Blende 1.8 sieht nur ein Fotonerd.


Sigma 85mm f1.4 bei Offenblende



Viltrox 85mm f1.8 bei Offenblende


Es ist beim Wechsel des Objektivs während eines Fotoshootings, insbesondere wenn es schnell gehen muss oder die Witterungsverhältnisse ungünstig sind, durchaus motivierender ein leichtes und gleichzeitig haptisch griffiges Objektiv wie das Viltrox zu wählen als das große Schwergewicht, das man allein wegen des Kaufpreises wie ein rohes Ei behandeln sollte.


Die Frage ist daher – gibt es überhaupt einen Grund lieber zu Sigma, zu den grauen Canon-Eminenzen oder zu den G-Mastern zu gehen?

Ja, wenn man keine Bildfehler sehen möchte.

Um noch einmal das Sigma 105mm als Beispiel zu nennen: das Objektiv hat in seinem langjährigen Einsatz auf meiner Panasonic S5/S5II bislang noch nie irgendwelche Flares, chromatische Aberrationen oder Schatten erzeugt. Auch das Sigma 85mm f1.4 war bislang diesbezüglich konkurrenzlos. Das Vitrox schwächelt hier etwas.




Bei hochkontrastreichen Lichtverhältnissen muss man damit rechnen, sollte aber dabei bedenken, dass dies nicht der Regelfall und mittels Software gut beherrschbar ist.


Worauf man sich aber verlassen kann: der AF einer modernen Kamera wird mit dem Viltrox selbst bei Gegenlicht noch zackig angesprochen, was beim Sigma 105er durchaus mal etwas länger gehen kann. Kompromisslos ist das Viltrox daher nicht, aber kompromissarm. Ein manuelles 85mm f1.4 aus dem Hause Samyang ist hier zum Beispiel deutlich im Nachteil und auch teurer.


Dieses Review liest sich wie eine Kaufempfehlung und ich denke es ist müßig dies am Schluss nochmals zu wiederholen. Ich rate daher eher zu einem anderen Gedankengang: was wäre das Haupteinsatzgebiet des Objektivs? Möchte ich die Telewirkung bei Portrait, Tier oder gegenständlicher Fotografie: zugreifen.

Es stellt ausreichend frei und hat eine sehr hohe Detailzeichnung.


Möchte ich einen spezielleren Bildlook oder fehlerfeie Abbildung in allen Situationen: Sigma, Canon, Sony.

Und natürlich den Termin beim Finanzberater.


Der Schwabe sagt hier: „mor kah it älles hau“ – man kann nicht alles haben.

   

 

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